Präventionskosten neu regeln

Krankenkenkasse BKK24 für ganzheitliches Gesundheitsmanagement

OBERNKIRCHEN. Etwas mehr durfte es schon sein, aber auf keinen Fall so viel. So ging es dem Bundesgesundheitsministerium mit seiner Order an die GKV, bitteschön mehr Geld in die Vorsorge zu investieren. Die Krankenkassen hatten nämlich aus der Not eine Tugend gemacht, ihre damit nicht mehr ganz so freiwilligen Leistungen zum Lockmittel für wechselwillige Versicherte ausgebaut und prompt eine Reform der Reform provoziert. „So kommen wir nicht weiter”, prophezeit Friedrich Schütte, Vorstand der mit 100.000 Kunden eher beweglichen BKK24.

Für Präventionsmaßnahmen sollten mindestens 2,78 Euro pro Versichertem ausgegeben werden, sagte Reform Nummer 1. Dagegen hatten die Kassen nichts einzuwenden, weil sie sich durch bessere Gesundheitsvorsorge Einsparungen von etwa 26 Prozent erhofften. Nur funktioniert, so wie die Politik es wollte, hat das nicht. 2010 nahmen zwar zehn Millionen Menschen entsprechende Angebote in Anspruch und ließen es die Solidargemeinschaften 340 Millionen kosten. Über diese Summe regte sich niemand auf. Wohl aber über die Tatsache, dass einige Kunden über 1.000 Euro ganz allein verbrauchten, andere 25 Euro oder weniger abbekamen und sich 42 Millionen Frauen und Männer gar nicht für das Thema interessierten. In Berlin keimte der Verdacht auf, dass hier ein Gesetz vor allem denjenigen dass Fitnesstraining finanziert, die das auch gut allein übernehmen könnten. Die sozial Schwachen und die Couchpotatos, die bisher alle Gesundheitsminister(innen) der Republik im Visier hatten, blieben dagegen unversorgt auf dem Sofa.

Da niemand die passende Lösung parat hatte, kam für 2011 Reform Nummer 2 mit einem Deckelungsbeschluss. Nur maximal zwei Maßnahmen dürfen pro Jahr und Versichertem jetzt noch von den Kassen übernommen werden. Und sie dürfen sich nicht nur mit einem Themenfeld beschäftigen – der Drang nach Bewegung auf Versichertenkarte müsste also zum Beispiel mit Nikotinentzug, Stressreduktion oder Ernährungslehre kombiniert werden. Diese Kombination hält Schütte zwar für eine absolut weise Entscheidung der Politik, bezeichnet sie aber trotzdem als nicht ausreichend.

Im beschaulichen Obernkirchen, 350 Kilometer von Berlin entfernt, hat man sich deshalb des Themas angenommen. Herausgekommen ist eine Idee, die nicht nur dem Willen der Hauptstadt entspricht, sondern sogar schon getestet wurde. „Wir schlagen vor, die bisherige Prävention nach dem Gießkannenprinzip abzuschaffen und durch ein ganzheitliches Gesundheitsmanagement zu ersetzen.” Dabei wird das Gesundheitsverhalten des Versicherten über einen recht simplen Fragebogen ermittelt. Experten der Kasse werten ihn aus und empfehlen gezielt die Maßnahmen, die wirklich helfen und dazu beitragen, Krankheiten zu vermeiden. „Damit”, so fordert Schütte, „darf dann aber nicht mehr bei zwei Maßnahmen pro Person Schluss sein.”

Sein Konzept beruht auf dem Vorgehen, zu dem sich die Wissenschaftler bei Europas größter Studie über das Entstehen gefährlicher Krankheiten entschlossen hatten. Sie wollten wissen, warum mache Menschen bei bester Gesundheitlich älter werden und haben es herausgefunden. Nicht Bewegung oder gesunde Ernährung allein ist der Schlüssel, sondern die Kombination von vier Themenfeldern miteinander. Im Prinzip also exakt das, was die Politik schon angeschoben hat. Nichts lag also für die BKK24 näher, als die Fragen aus der Gesundheitsstudie zu Antworten umzubauen und daraus ein bisher einmaliges Programm zu entwickeln. Der Test mit über 2.000 ihrer Kunden war so erfolgreich, dass man sich nun zum Gang in die Öffentlichkeit entschlossen hat.

Ob Schütte mit seinem Vorstoß erfolgreich sein wird, hängt freilich von der Reaktion der Großkassen ab, auf die bei einer solchen Umstellung jede Menge Arbeit zukommen würde. Weit mehr als bisher müssten nämlich Kassenmitarbeiter zu Gesundheitsberatern fortgebildet werden. Doch auch in diesem Punkt zeigt die kleine BKK24, wie es geht. Sie arbeitet mit der noch jungen Hochschule Weserbergland zusammen und hat für ihre Idee bereits erste Fans gefunden: „Warum sind wir damals nicht darauf gekommen”, war zum Beispiel der erste Kommentar von Klaus Vater, der als langjähriger Pressesprecher an der Seite von Ulla Schmidt mehr als nur eine Reformidee zu verteidigen hatte.

Fragebogen

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Friedrich Schütte
Portraitfoto Friedrich Schütte